Was ist Acqui-Hiring?

In den USA und anderen Hotspots der Internetwirtschaft macht ein neues Investitionsmodell von sich reden: Acqui-Hiring beschreibt auf Englisch einen Unternehmenskauf, bei dem es gar nicht so sehr um Innovationen oder Marktanteile geht, sondern vielmehr um talentierte Mitarbeiter. “Acqui“ steht dabei für Acquisition (deutsch: Akquisition) und „Hiring“ für die Anstellung des Personals. Aus dieser Perspektive lassen sich so manche Übernahmen, die Google, Facebook und Co. in den vergangenen Jahren realisiert haben, deutlich besser verstehen.

Neues Ziel für den Unternehmenskauf

Für die meisten Unternehmen entscheiden gute Mitarbeiter über Erfolg und Misserfolg

Für die meisten Unternehmen entscheiden gute Mitarbeiter über Erfolg und Misserfolg

Acqui Hire, wie das Prinzip mitunter auch betitelt wird, setzt nämlich dort an, wo progressives Business häufig seinen Ursprung findet: Die neuen Möglichkeiten des Internets erlauben es, mit wenig Startkapital, aber klugen Ideen erfolgreiche Geschäfte aufzuziehen. Gleichzeitig suchen nicht nur die Global Player des Silicon Valley ständig nach hoch motivierten und kreativen Mitarbeitern, sondern konkurrieren als Arbeitgeber beispielsweise mit der Automobilindustrie oder dem öffentlichen Dienst. Da liegt es auf der Hand, nicht Headhunter zu bemühen oder aufwendigen Stellenausschreibungen und Ausleseprozessen zu vertrauen, sondern lieber gleich eingespielte Teams komplett einzukaufen.

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Erfolgreiche Beispiele für Acqui-Hiring aus den USA

Die angelsächsische Fachpresse nennt als Beispiel für Acqui Hire sogar die Übernahme von WhatsApp durch Facebook, relevante Zukäufe von Google im Bereich Virtual Reality und Yahoos aggressiven Investitionskurs. Aus Sicht der Analysten lassen sich einige grundsätzliche Muster beim Acqui-Hiring feststellen.

Ein Faktor, der für eine Win-win-Situation sorgt, ist der, dass der Verkäufer sein Gesicht bewahrt. Denn so brillant ein Team um eine Geschäftsidee auch sein mag – häufig droht der Erfolg an Kapitalmangel zu scheitern. Wird der Unternehmenskauf nun quasi durch einen weißen Engel vollzogen, bleibt das Image des kleinen Start-ups unbeschädigt, ohne dass die nervenaufreibende, schwierige und bisweilen erfolglose Suche nach Risikokapital nötig wird.

Der Großkonzern, der per Acqui Hire seine Belegschaft verstärkt, stellt dann oft nach kurzer Zeit das eigentliche aufgekaufte Geschäftsmodell ein und erfreut sich an den Fähigkeiten und Talente der neuen Mitarbeiter.

Junges Talent beim Acqui Hiring

Junges Talent beim Acqui Hiring

Rechtliche Rahmenbedingungen und Due-Diligence-Prüfung

Wer sich nun für solch eine Art von Unternehmenskauf interessiert, sollte besonderes Augenmerk auf die Due-Diligence-Prüfung legen. Niemand will die Katze im Sack kaufen, es gilt also, Bücher, Geschäftssituation und Verträge sorgfältig zu prüfen. Der Haken dabei: Gerade kleine Unternehmen, die sich im Aufbau befinden und deshalb so interessant sind, haben oft nicht die Ressourcen, um die eigene Dokumentation so streng zu erfüllen, wie der Käufer sich das wünschen würde.

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Experten empfehlen deshalb den Gründern, die sich für einen Unternehmenskauf fit machen wollen, früh mit den Vorbereitungen zu beginnen und sich dabei in die Rolle des Käufers hineinzuversetzen. Dazu zählt auch, im Rahmen der Due-Diligence-Prüfung Etappen zu vereinbaren – der Kontakt mit dem Humankapital, den so begehrten Mitarbeitern, steht dabei nicht unbedingt am Beginn. Der Austausch von vertraulichen Dokumenten lässt sich übrigens mittlerweile seriös und bequem per Datenraum im Internet realisieren.

Unterschiede als Vorteil begreifen

Der Spirit der Mitarbeiter sollte beim Acqui Hire nicht leiden

Der Spirit der Mitarbeiter sollte beim Acqui Hire nicht leiden

Weiter sollten laufende Geschäftsverbindungen des Start-ups analysiert werden. Hier lauern Kostenrisiken, wenn etwa Rechte abgetreten wurden, um schnelle Geschäfte zu ermöglichen. Wichtig ist es auch, möglichst früh offen zu kommunizieren, wie das Merger, die Integration nach Vertragsabschluss praktisch und optimal umgesetzt werden kann. Die Teams einer kleinen und jungen Firma sind an andere Hierarchien, Abläufe und Arbeitskultur gewöhnt als an die, welche in einem Großunternehmen meist genau reguliert sind. Damit der so wichtige Esprit der eingekauften Mitarbeiter weiter wirkt, macht es häufig Sinn, die Gründung einer neuen Abteilung zu erwägen, in der diese Besonderheiten Bestand haben können. Das Gefühl einer feindlichen Übernahme ist tunlichst zu vermeiden, es könnte Motivation zerstören.

Mit Bonuszahlungen Motivation erzeugen

Nicht zuletzt geht es bei einem Unternehmenskauf immer auch um Geld. Wie beschreiben sind die greifbaren Unternehmenswerte im Fall von Acqui-Hiring tendenziell überschaubar, sondern es geht darum, den Wert der Mitarbeiter einzuschätzen. Diese wiederum sollten von der Transformation profitieren, beispielsweise durch das Mittel einer Bonuszahlung. Nur so kann sichergestellt werden, dass Acqui Hire die gewünschte Effizienz entfaltet.

Ein Vorteil solcher Bonuszahlungen ist zudem, dass sie oft für den Empfänger von Steuern befreit sind. Der Käufer kann solche Extra-Zahlungen unter Umständen unter anderen Posten verbuchen und muss sie so nicht dem reinen Kaufpreis für das übernommene Unternehmen zurechnen.

Entscheidend bleibt, parallel durch Vertragsklauseln sicherzustellen, dass die neuen Mitarbeiter für einen definieren Zeitraum im neuen Unternehmen verbleiben und sich verpflichten, in ihrem Bereich keinen Anwerbeversuchen der Konkurrenz zu folgen oder erneut ein Start-up zu gründen.

Beim Acqui-Hiring geht es vor allem um weiche Faktoren

Beim Acqui-Hiring geht es vor allem um weiche Faktoren

Fazit: Ein Acqui Hire will sorgfältig realisiert sein

Als Unternehmenskauf 2.0 könnte man das Prinzip Acqui Hire also im Internetjargon beschreiben. Als junges Geschäftsmodell ist es zwar bereits Insidern bekannt, aber nicht so erprobt, wie sich konservative Anleger es sich wünschen würden. Doch diese Krux, dass neue Wege Chancen eröffnen und zugleich etwas unheimlich wirken, ist kaum aufzulösen.

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Allerdings beweisen Fallbeispiele gerade in den Bereichen Softwareentwicklung und Ingenieurwesen: Mit Acqui-Hiring lässt sich das leidige Problem des Fachkräftemangels in Wachstumsbranchen elegant lösen.

Und manches Großunternehmen, welches Gefahr läuft, in verkrusteten Strukturen an Innovationskraft zu verlieren, gewinnt durch eine solche Akquisition nicht nur neue Mitarbeiter, sondern auch an Wettbewerbskraft. Es ist kein Zufall, dass Unternehmen wie Google und Facebook bereits ganz selbstverständlich auf Acqui Hire beim Unternehmenskauf setzen, um Erfolgsgeschichten fortzuschreiben. Hierzulande ist beispielsweise Rocket Internet der Samwer-Brüder bekannt dafür, neue Modelle aus den USA möglichst zeitnah zu kopieren.

Dieser Beitrag zum Thema Acqui-Hiring ist auch auf Englisch erschienen.